Massentourismus in Venedig: Fluch oder notwendiges Fundament?

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Im Bild der Markusplatz am Faschings-Sonntag

Venedig ist einzigartig – und teuer im Erhalt. Während Medien fast nur über den Massentourismus schimpfen, stellt sich vor Ort eine weitaus komplexere Frage: Wer soll die Instandhaltung der jahrhundertealten Bausubstanz finanzieren, wenn nicht die Besucher? Ein Plädoyer für eine sachliche Debatte.

Es ist denkbar einfach, über den Massentourismus in Venedig zu urteilen. Die Schlagzeilen gleichen sich seit Jahren: überfüllte Gassen, genervte Anwohner, Kreuzfahrtschiffe. Doch die Realität hinter der Postkartenidylle ist ökonomisch knallhart. Jeder Tourist, der die Lagunenstadt besucht, bringt Kapital mit. Und ohne dieses Kapital wäre das „Wunder Venedig“ längst dem Verfall preisgegeben.

Die Illusion der leeren Stadt

Natürlich ließe sich der Zustrom theoretisch begrenzen. Man könnte den Karneval absagen, die Biennale streichen oder die Filmfestspiele beenden. Das Ergebnis? Millionen Besucher weniger – aber auch ein Loch in der Stadtkasse, das durch nichts zu füllen wäre. Interessanterweise sind es nicht die traditionsreichen Feste wie die Voga Longa, die Festa del Redentore oder die Regata Storica, die die Massen anziehen. Diese Veranstaltungen sind Identitätsstifter, die von den ohnehin anwesenden Touristen oft nur am Rande wahrgenommen werden. Der Kern des Problems liegt tiefer.

Ein Sanierungsfall ohnegleichen

Venedig ist kein Museum aus Stein, sondern eine Stadt auf Millionen von Holzpfählen, die vor über tausend Jahren in den Schlamm der Lagune gerammt wurden. Während in anderen europäischen Städten ein Haus mit 100 Jahren als alt gilt, sprechen wir hier von Bausubstanz, die teilweise ein Jahrtausend überdauert hat.

Der Erhalt dieser Architektur erfordert einen finanziellen Aufwand, der mit gewöhnlichem Städtebau nicht vergleichbar ist. Weder der italienische Staat noch die EU können diese Summen allein stemmen. Hier stellt sich die unbequeme Frage: Warum sollten historische Bauwerke mit Milliardenaufwand renoviert werden, wenn man den Zugang für Menschen gleichzeitig massiv einschränkt?

Verdrängungseffekte in der Besucherstruktur

Ein gefährlicher Weg wäre die Elitisierung: Die Preise für Hotels und Gastronomie so weit anzuheben, dass Venedig nur noch den Reichsten dieser Welt vorbehalten bleibt. Das kann nicht die Lösung sein.

Interessant ist zudem eine aktuelle Beobachtung im Stadtbild: Während in Ländern, deren Medien systematisch vor dem Besuch Venedigs „warnen“, die Besucherzahlen stagnieren, wird dieser Platz sofort von Reisenden aus Nationen eingenommen, in denen diese Debatte nicht existiert. Bei acht Milliarden Menschen weltweit bleibt der Wunsch, Venedig einmal im Leben zu sehen, ungebrochen. Schimpfen allein ändert an dieser globalen Dynamik wenig.

Fehlplanung vor 1.000 Jahren?

Wenn man jemandem einen Vorwurf machen will, dann vielleicht den Stadtplanern des Mittelalters. Sie konnten nicht ahnen, dass die schmalen Calli, durch die kaum drei Personen nebeneinander passen, eines Tages Millionenströme bewältigen müssen. Selbst die Hauptverbindungen zwischen Markusplatz und Rialto oder der Accademia-Brücke sind Nadelöhre. Bleibt ein Besucher vor einem Schaufenster stehen, kommt es zum Rückstau. Das ist baulich bedingt und kein böser Wille der Stadtverwaltung.

Brennpunkt Markusplatz: Ein lokales Paradoxon

Das Bild eines überfüllten Markusplatzes am Karnevalswochenende dient oft als Beweis für den Untergang der Stadt. Doch für den Alltag der Venezianer ist das weitgehend irrelevant. Am Markusplatz gibt es keine normalen Wohnungen, keine Arztpraxen und auich keine Geschäfte des täglichen Bedarfs.

Es verhält sich wie in anderen Metropolen: Der Münchner geht nicht täglich zum Glockenspiel am Marienplatz, der Berliner meidet im Alltag das Brandenburger Tor und der Hamburger steht selten staunend am Hafen. Diese Orte gehören den Gästen – und das ist auch in Ordnung so, solange der Rest der Stadt durch die Einnahmen am Leben erhalten wird.

Venedig braucht keine Pauschalkritik, sondern kluge, machbare Konzepte. Denn eines ist sicher: Schimpfen allein hat noch kein Fundament saniert.


Bernd Morgenthaler, Experte für Venedig.

Inhaber und Betreiber von Venedig.com seit 1998.
Mit 40-jähriger Erfahrung in der Vermittlung komplexer Inhalte liegt mein Fokus heute auf präzisen, barrierefreien Informationen für alle Venedig Besucher und positiven Nachrichten aus der Lagunenstadt.

Bernd Morgenthaler - Experte für Venedig

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