
Seit Jahren lässt sich in den Gassen Venedigs ein Schauspiel beobachten, das scheinbar bis ins Detail perfektioniert wurde: die gezielte Inszenierung von Armut und Hilflosigkeit.
Man sieht sie oft in den Durchgangsstraßen abseits des Markusplatzes: Gestalten, die tief gebeugt auf dem Pflaster knien, fast liegend, scheinbar erdrückt von der Last des Lebens. Gehüllt in graue Lumpen, das Gesicht unter einem Kopftuch verborgen.
Doch der Schein trügt oft. Wer genauer hinsieht, erkennt an der glatten Haut der Hände, dass sich unter der Verkleidung oft sehr junge Menschen verbergen, die das Bild des Jammers für die Passanten aufrechterhalten.

Die Standortwahl der Inszenierung Diese Form des Bettelns folgt einer klaren Logik. Direkt auf dem Markusplatz würde die Polizei sofort einschreiten. Daher ziehen sich die Personen in die belebten Seitengassen des Stadtgebiets zurück. Dort ist die Frequenz an Touristen hoch genug, aber der Druck durch die Sicherheitskräfte geringer.
Die Psychologie des Bechers Sogar der Inhalt des Spendenbechers ist kalkuliert. Man findet darin selten wertlose Ein- oder Zwei-Cent-Münzen. Stattdessen liegen oft ein oder zwei Euro-Stücke als „Anreiz“ bereit. Es wird suggeriert, dass dies der angemessene Betrag sei. Zu viel darf es jedoch auch nicht sein: Ein 100-Euro-Schein würde die Spendenbereitschaft eher bremsen, da er die Glaubwürdigkeit der akuten Notlage untergraben könnte. Es ist ein stilles, aber höchst effizientes Geschäft mit dem Mitgefühl der Besucher.
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