
Wer die Schlagzeilen über Venedig verfolgt, liest oft von neuen Erlassen, Verordnungen und Bußgeldern. Auf den ersten Blick mag dies wie eine uferlose Gesetzeswut der Stadtverwaltung wirken – sinnlos, unverständlich und fast schon feindselig gegenüber den Gästen.
Doch wenn man genauer hinschaut, die besonderen Verhältnisse vor Ort kennt und das Verhalten der Massen beobachtet, bekommt manches Verbot plötzlich einen sehr berechtigten Sinn.
Das Sitzverbot am Markusplatz: Mehr als nur Ästhetik
Ein klassisches Beispiel erleben Sie jeden Spätnachmittag am westlichen Ende des Markusplatzes, unter den Arkaden beim Museo Correr. Dort sitzen erschöpfte Touristen auf den drei Stufen der Begrenzung. Es ist menschlich absolut verständlich: Ein langer Tag voller Besichtigungen liegt hinter ihnen, die Beine sind schwer, und im Sommer glüht der Stein der Stadt. Da es unmöglich ist, für Millionen von Besuchern ausreichend Bänke aufzustellen, wird die Treppe zur „primitiven“ Sitzgelegenheit.
Die Kehrseite der Medaille: Rund um den Markusplatz zahlen Geschäftsinhaber die wohl höchsten Mieten der Welt. Sie sind darauf angewiesen, dass Kunden ihre Ladenlokale betreten und die Schaufenster betrachten können. Wenn jedoch die Zugänge im wahrsten Sinne des Wortes „zugesessen“ werden, sinkt der Umsatz gegen Null.
Das Verbot, sich auf den Boden oder die Stufen zu setzen, ist also kein Schikane-Akt. Es ist eine wirtschaftliche Notwendigkeit, um die Eingänge freizuhalten. Die freundlichen Helfer in den „Enjoy Venezia“-Shirts, die Touristen höflich, aber bestimmt zum Aufstehen bewegen, leisten hier Sisyphusarbeit: Kaum drehen sie sich um, besetzen die nächsten Gruppen die Stufen. Es geht der Stadt hierbei nicht um Bußgelder, sondern schlicht darum, dass der Handel in der Stadt überleben kann.
Badespaß im Canal Grande: Lebensgefahr statt Nervenkitzel

Ein anderes Thema sind die vereinzelten Vorfälle, bei denen Touristen zur Abkühlung in den Canal Grande springen. Was für den Einzelnen nach einem harmlosen Abenteuer oder einem kühnen „Nervenkitzel“ in der Fremde aussieht, ist in Wahrheit lebensgefährlich.
Wer den Canal Grande kennt, weiß: Er ist das Äquivalent zu einer Stadtautobahn. Hier drängen sich:
- Die großen Vaporetti des Nahverkehrs,
- wendige Gondeln und schnelle Wassertaxis,
- die Boote der Alilaguna und schwere Lastkähne der Handwerker.
In diesem dichten Verkehr ist ein einzelner, kaum sichtbarer Kopf im Wasser eine Katastrophe mit Ansage. Würde man dies dulden, wäre der lebensnotwendige Bootsverkehr in kürzester Zeit lahmgelegt. Die Stadtverwaltung muss hier hart durchgreifen – zum Schutz der Schifffahrt, aber vor allem zum Schutz der Schwimmer selbst.
Mein Fazit: Gesetze mit Augenmaß
Wenn Sie das nächste Mal ein Verbotsschild in Venedig sehen, lade ich Sie ein, kurz innezuhalten. Hinter den meisten Verordnungen steckt eine wohlmeinende Absicht: der Schutz der Einheimischen, der Erhalt der Arbeitsplätze und die Sicherheit der Touristen. Venedig ist eine Stadt mit extremem Platzmangel; Regeln sind hier das Schmiermittel, das das Zusammenleben überhaupt erst ermöglicht.