
Der berühmte Uhrenturm von Venedig (Torre dell’Orologio) steht an der Nordseite des Markusplatzes, unmittelbar neben der Markusbasilika. Er gehört zu den bekanntesten Wahrzeichen der Lagunenstadt und ist eines der eindrucksvollsten Beispiele venezianischer Renaissancearchitektur.
Der zwischen 1496 und 1499 errichtete Turm ist vor allem für seine außergewöhnliche astronomische Uhr berühmt. Sie zeigt nicht nur die Uhrzeit, sondern auch die Mondphasen und die Position der Sonne im Tierkreis an.
Ganz oben auf dem Turm stehen zwei große Bronzefiguren, die sogenannten Mohren von Venedig. Sie schlagen mit ihren Hämmern auf eine mächtige Glocke und verkünden damit weithin hörbar die Stunden.
Eine weitere Besonderheit ist das kunstvolle Zifferblatt mit seinen goldenen Sternen auf blauem Hintergrund.
Durch das große Tor unter dem Uhrenturm gelangt man vom Markusplatz direkt in die Merceria, eine der traditionsreichsten Einkaufsstraßen Venedigs, die in Richtung Rialtobrücke führt.
Der Uhrenturm ist damit weit mehr als ein historisches Gebäude: Er vereint auf einzigartige Weise Architektur, Astronomie, Technik und venezianische Geschichte.
Die Turmspitze des Uhrenturms – die beiden Mohren und ihre Glocke

Ganz oben auf dem Uhrenturm erwartet den Besucher eine der berühmtesten Sehenswürdigkeiten Venedigs: Zwei riesige Bronzefiguren schlagen mit ihren Hämmern auf eine mächtige Glocke. Die Venezianer nennen diese Figuren liebevoll I Mori – die Mohren. Seit mehr als 500 Jahren gehören sie zum unverwechselbaren Erscheinungsbild des Markusplatzes.
Die beiden Mohren von Venedig – seit 1497 schlagen sie die Stunden
Auf der Spitze des Uhrenturms am Markusplatz stehen zwei etwa 2,5 Meter hohe Bronzefiguren. Zwischen ihnen hängt eine große Glocke, auf die sie mit mächtigen Hämmern schlagen. Die Figuren werden als die beiden Mohren (I Mori) bezeichnet. Tatsächlich stellen sie jedoch zwei Hirten dar. Ihren Namen verdanken sie der dunklen Patina ihrer Bronzeoberfläche.
Der alte und der junge Mohr
Wer die beiden Figuren genauer betrachtet, entdeckt einen interessanten Unterschied: Eine Figur trägt einen Bart, die andere nicht. Der bärtige Mohr symbolisiert das Alter, der bartlose die Jugend.
Auch beim Schlagen der Glocke unterscheiden sie sich. Der alte Mohr schlägt die Stunden etwa zwei Minuten vor der vollen Stunde, der junge Mohr etwa zwei Minuten danach. Nach der traditionellen Deutung symbolisiert der alte Mohr damit die bereits vergangene Zeit, während der junge Mohr für die Zukunft steht. So wird aus einer scheinbar einfachen Uhr ein Sinnbild für das unaufhaltsame Vergehen der Zeit.
Wie bewegen sich die riesigen Bronzefiguren?
Die beiden Mohren sind keine gewöhnlichen Statuen, sondern mechanisch bewegliche Figuren, sogenannte Automaten. Ihre Körper besitzen auf Höhe der Taille ein Gelenk. Dadurch können sie ihren Oberkörper drehen und mit ihren Hämmern gegen die Glocke schlagen. Diese Konstruktion war bereits am Ende des 15. Jahrhunderts eine bemerkenswerte technische Leistung.
Wer hat die beiden Mohren geschaffen?
Die Bronzefiguren wurden 1497 von Ambrogio delle Ancore gegossen. Wer die Figuren ursprünglich modellierte, ist dagegen nicht eindeutig geklärt. In der kunsthistorischen Forschung werden unterschiedliche Bildhauer genannt. Die Figuren wurden bewusst mit kräftigen Körperformen und markanten Umrissen gestaltet. Dadurch sind sie auch aus größerer Entfernung gut zu erkennen.
Die große Glocke zwischen den Mohren
Auch die Glocke stammt aus dem Jahr 1497. Sie wurde von einem Glockengießer namens Simeone geschaffen, der seinen Namen in einer Inschrift auf der Glocke hinterließ. Über der Glocke befinden sich eine vergoldete Kugel und ein Kreuz. Die Glockenschläge dienten den Menschen auf dem Markusplatz über Jahrhunderte hinweg als weithin hörbare Zeitangabe.
Eine Veränderung im 19. Jahrhundert
Interessanterweise stehen die Mohren heute nicht mehr exakt auf ihrer ursprünglichen Höhe. Bei Umbauarbeiten an der Turmspitze im 19. Jahrhundert wurden die beiden Figuren zusammen mit der Glocke um ungefähr einen Meter angehoben. Damit hat sich die Silhouette des Uhrenturms im Laufe seiner langen Geschichte leicht verändert.
Ein Tipp für Venedig-Besucher
Wer auf dem Markusplatz steht, sollte nicht nur das berühmte astronomische Zifferblatt betrachten, sondern auch einmal ganz nach oben schauen. Besonders interessant ist es, kurz vor einer vollen Stunde auf die beiden Bronzefiguren zu achten und ihre Bewegungen zu beobachten. Ein Schauspiel, dessen Ursprung mehr als 500 Jahre zurückliegt.
Der geflügelte Markuslöwe am Uhrenturm.
Venedigs Symbol vor einem goldenen Sternenhimmel

Direkt unterhalb der beiden Mohren befindet sich eines der bedeutendsten Symbole Venedigs: der geflügelte Markuslöwe (Leone di San Marco). Der mächtige Löwe steht vor einem tiefblauen Hintergrund, der mit zahlreichen goldenen Sternen geschmückt ist. Seine Flügel sind ausgebreitet, eine Vorderpfote ruht auf einem aufgeschlagenen Buch.
Diese Darstellung ist nicht nur ein prachtvoller Schmuck der Renaissance. Sie erinnert an die jahrhundertelange Macht der Republik Venedig, die sich selbst La Serenissima – die Allerdurchlauchtigste – nannte.
Warum ist der Löwe das Wahrzeichen Venedigs?
Der Löwe ist das traditionelle Symbol des Evangelisten Markus, des Schutzpatrons von Venedig. Nach christlicher Überlieferung gehören zu den vier Evangelisten vier geflügelte Wesen: Matthäus wird durch einen Menschen beziehungsweise Engel, Markus durch einen Löwen, Lukas durch einen Stier und Johannes durch einen Adler dargestellt.
Als im Jahr 828 venezianische Kaufleute die angeblichen Gebeine des Evangelisten Markus aus Alexandria nach Venedig brachten, entwickelte sich Markus zum wichtigsten Schutzheiligen der Stadt. Sein geflügelter Löwe wurde zum staatlichen Hoheitszeichen der Republik Venedig. Bis heute begegnet man ihm überall in der Lagunenstadt: auf Säulen, an Palästen, über Torbögen, an Kirchen und auf historischen Flaggen.
Was bedeutet das aufgeschlagene Buch?
Der Markuslöwe am Uhrenturm hält ein aufgeschlagenes Buch unter seiner Vorderpfote. Auf vielen Darstellungen des Markuslöwen stehen darin die lateinischen Worte:
PAX TIBI MARCE EVANGELISTA MEVS
Auf Deutsch bedeutet das:
Friede sei mit dir, Markus, mein Evangelist.
Der Satz bezieht sich auf eine venezianische Legende, nach der ein Engel dem Evangelisten Markus verkündete, dass er eines Tages in der Lagune seine letzte Ruhestätte finden werde. Häufig wird behauptet, ein offenes Buch bedeute Frieden und ein geschlossenes Buch Krieg. Diese Deutung ist zwar weit verbreitet, historisch aber nicht als allgemeingültige Regel haltbar. Das offene Buch verweist vor allem auf den Evangelisten und seine christliche Botschaft.
Warum ist der Hintergrund blau und mit goldenen Sternen geschmückt?
Der tiefblaue Hintergrund ist ein besonders eindrucksvolles Gestaltungselement. Die goldenen Sterne vor dem Blau erinnern an den Himmel und verleihen der Darstellung eine über das Irdische hinausreichende Bedeutung. Der Markuslöwe erscheint dadurch nicht einfach vor einer farbigen Wand, sondern gleichsam vor dem Himmelsgewölbe.
Diese Verbindung von Blau und Gold war in der venezianischen Kunst besonders beliebt. Sie findet sich auch in zahlreichen Mosaiken, Kirchen und religiösen Kunstwerken der Stadt. Blau erinnert an den Himmel und das Himmlische, Gold an Licht, Glanz und Würde.
Am Uhrenturm entsteht daraus eine besonders wirkungsvolle Verbindung: Der Markuslöwe verkörpert die politische Identität Venedigs, während der Sternenhimmel auf eine höhere, kosmische Ordnung verweist. Auch das große astronomische Zifferblatt unterhalb des Löwen greift die Farben Blau und Gold auf. So verbindet die Fassade die Macht der Republik mit der Darstellung des Himmels und dem Lauf der Zeit.
Der Markuslöwe war nicht immer allein
Ein bemerkenswertes historisches Detail ist heute kaum noch zu erkennen. Ursprünglich befand sich neben dem Markuslöwen eine kniende Statue des Dogen Agostino Barbarigo, der von 1486 bis 1501 die Republik Venedig regierte. Der Doge war vor dem Symbol des heiligen Markus dargestellt. Damit wurde deutlich, dass selbst der mächtigste Mann der Republik unter dem Schutz und der Autorität des Stadtpatrons stand.
Als Napoleon 1797 die Republik Venedig zu Fall brachte, wurden zahlreiche Symbole der alten Herrschaft beseitigt. Auch die Darstellung am Uhrenturm blieb davon nicht verschont. Die Dogenstatue wurde zerstört und der Markuslöwe entfernt. Erst im 19. Jahrhundert wurde der Löwe wieder an seinem Platz angebracht. Die Statue des Dogen kehrte dagegen nicht zurück.
Der blaue Hintergrund hat ebenfalls eine Geschichte
Auch die heute sichtbare Gestaltung ist nicht vollständig aus dem 15. Jahrhundert erhalten. Im 18. Jahrhundert wurde der ursprüngliche blau emaillierte Kupferhintergrund durch ein Mosaik ersetzt. Im Jahr 1820 erfolgten weitere Restaurierungsarbeiten an der blauen Mosaikfläche. Bei der umfassenden Restaurierung des Uhrenturms zwischen 1996 und 2006 wurden auch die Mosaiken und die dekorativen Elemente der Fassade restauriert.
Was Besucher heute sehen, ist somit das Ergebnis einer mehr als 500-jährigen Geschichte aus künstlerischer Gestaltung, politischen Umbrüchen und sorgfältigen Restaurierungen.
Ein Detail, das einen zweiten Blick verdient
Wer den Markuslöwen am Uhrenturm betrachtet, sieht nicht nur das berühmteste Wappentier Venedigs. Er sieht ein Symbol der ehemaligen Seerepublik, ein Zeugnis ihrer christlichen Tradition und ein Kunstwerk, dessen Geschichte bis in die Zeit der Renaissance zurückreicht. Der goldene Löwe vor dem blauen Sternenhimmel gehört zu den schönsten Details des gesamten Uhrenturms.
Warum befindet sich ein Netz vor dem Markuslöwen?
Wer den Markuslöwen genauer betrachtet, entdeckt ein feines Schutznetz vor der historischen Darstellung. Es dient vermutlich dazu, Tauben und andere Vögel von dem wertvollen Kunstwerk fernzuhalten. Insbesondere Vogelkot kann die empfindlichen historischen Oberflächen beschädigen. Das Netz ist somit eine moderne Schutzmaßnahme, die allerdings aus der Entfernung kaum auffällt.
Die digitale Uhr am Uhrenturm von Venedig
Technik aus dem 19. Jahrhundert

Eine Digitaluhr, lange bevor es Elektronik gab
Wer den Uhrenturm auf dem Markusplatz genauer betrachtet, entdeckt oberhalb der großen astronomischen Uhr zwei rechteckige Zahlenanzeigen. Zwischen ihnen steht in einer reich verzierten Nische eine vergoldete Madonna mit dem Jesuskind. Die beiden Anzeigen erinnern verblüffend an eine moderne Digitaluhr. Doch hinter den sichtbaren Ziffern verbirgt sich keine Elektronik, sondern ein ausgeklügeltes mechanisches System. Diese digitale Zeitanzeige wurde bereits 1858 eingebaut – mehr als ein Jahrhundert vor der Verbreitung elektronischer Digitaluhren.
Was bedeuten die beiden Zahlenanzeigen?
Die linke Anzeige zeigt die Stunden in römischen Ziffern, beispielsweise VIII für 8 Uhr oder XII für 12 Uhr. Die rechte Anzeige zeigt die Minuten in arabischen Ziffern, also beispielsweise 05, 10, 15 oder 30. Eine Besonderheit: Die Minuten werden nicht einzeln angezeigt, sondern in Schritten von jeweils fünf Minuten. Die Anzeige springt deshalb nur zwölfmal pro Stunde weiter. Damit konnten die Menschen auf dem Markusplatz die Uhrzeit wesentlich genauer und einfacher ablesen als allein anhand des großen astronomischen Zifferblatts.
Wie funktioniert die mechanische Digitalanzeige?
Hinter den beiden Fenstern befinden sich zwei große drehbare Trommeln, die sogenannten Tambure. Jede Trommel trägt zwölf Anzeigetafeln, die jeweils etwa 80 Zentimeter hoch und 50 Zentimeter breit sind. Auf der linken Trommel stehen die römischen Stundenzahlen, auf der rechten die arabischen Minutenzahlen. Ein mechanischer Antrieb dreht die Trommeln so, dass im jeweiligen Fenster die passende Zahl erscheint.
Das Besondere daran: Es handelt sich nicht um Zeiger, die sich über ein Zifferblatt bewegen, sondern um wechselnde Zahlenfelder. Genau dieses Prinzip kennen wir auch von späteren mechanischen Klappzahlen- und Digitaluhren.
Wer hat diese außergewöhnliche Anzeige erfunden?
Die beiden Zahlentrommeln wurden im Jahr 1858 von Luigi De Lucia konstruiert und eingebaut. Damals wurde die historische Uhr umfassend modernisiert. Die neue Anzeige sollte es den Menschen ermöglichen, die Uhrzeit vom Markusplatz aus genauer abzulesen. Die Konstruktion gehört zu den frühen Beispielen einer mechanischen digitalen Zeitanzeige an einer öffentlichen Uhr.
Die Madonna mit dem Jesuskind
Zwischen den beiden Zahlenfenstern befindet sich eine vergoldete Darstellung der Jungfrau Maria mit dem Jesuskind. Die Madonna sitzt auf einem Thron in einer kunstvoll gestalteten Nische. Sie ist nicht einfach nur ein dekoratives Element zwischen den beiden Anzeigen. Ihre Position hat eine besondere Bedeutung für die Geschichte des Uhrenturms.
Bereits bei der Einweihung der Uhr im Jahr 1499 gehörte die Madonna zu einem außergewöhnlichen mechanischen Schauspiel. Zu bestimmten Festtagen zogen die Heiligen Drei Könige, begleitet von einem Engel, in einer Prozession vor ihr vorbei. Die Figuren verneigten sich vor der Madonna mit dem Jesuskind und verschwanden anschließend wieder im Inneren des Turms.
Warum die Digitalanzeige die Heiligen Drei Könige verdrängte
Mit dem Einbau der beiden Zahlentrommeln im Jahr 1858 entstand ein technisches Problem. Die neuen Trommeln beanspruchten genau den Platz, den die beweglichen Figuren für ihre Prozession benötigten. Deshalb konnte die Prozession nicht mehr regelmäßig stattfinden. Man entwickelte eine Vorrichtung, mit der die Trommeln für besondere Anlässe angehoben und zurückgeschoben werden können. Dadurch wird der Weg für die Figuren wieder frei.
Heute lässt sich dieses historische Schauspiel nur noch an zwei besonderen Festtagen erleben: am 6. Januar, dem Dreikönigstag, und am Fest Christi Himmelfahrt.
Eine Uhr, die zwei Epochen verbindet
Die beiden Zahlenfenster und die Madonna zeigen auf engstem Raum zwei unterschiedliche Kapitel der venezianischen Geschichte. Die Madonna und die Prozession der Heiligen Drei Könige erinnern an die Renaissance und die ursprüngliche Uhr von 1499. Die mechanische Digitalanzeige dokumentiert dagegen den technischen Fortschritt des 19. Jahrhunderts. Beide Systeme sind bis heute Teil desselben außergewöhnlichen Uhrenturms.
Was auf den ersten Blick wie eine einfache Zahlenanzeige aussieht, ist in Wirklichkeit ein Stück Technikgeschichte.
Die technischen Angaben zu Luigi De Lucia, den Trommeln und den zwölf Anzeigetafeln stammen aus der offiziellen Dokumentation der venezianischen Stadtmuseen.
Die astronomische Uhr von Venedig
Ein Meisterwerk aus dem Jahr 1499

Jetzt sind wir beim eigentlichen Herzstück des Uhrenturms angekommen! Und hier lohnt sich die ausführliche Beschreibung ganz besonders. Denn das große astronomische Zifferblatt am Markusplatz ist nicht einfach eine schöne historische Uhr. Es ist eine mechanische Darstellung des Himmels, wie ihn die Menschen zur Zeit der Renaissance verstanden.
Die astronomische Uhr am Markusplatz – wie liest man dieses außergewöhnliche Zifferblatt?
Mit einem Durchmesser von etwa 4,50 Metern gehört das astronomische Zifferblatt zu den eindrucksvollsten Elementen des Uhrenturms von Venedig. Seine leuchtend blauen Flächen, die vergoldeten Tierkreiszeichen, die römischen Zahlen und die beweglichen Himmelskörper machen es zu einem außergewöhnlichen Kunstwerk.
Doch das Zifferblatt ist weit mehr als eine dekorative Uhr.
Es zeigt gleichzeitig mehrere astronomische Informationen:
- Die aktuelle Uhrzeit auf einer 24-Stunden-Skala.
- Die Stellung der Sonne innerhalb des Tierkreises.
- Den Verlauf der Monate und Tage im Jahreskreis.
- Die Bewegung des Mondes.
- Die jeweils aktuelle Mondphase.
Die verschiedenen Anzeigen werden durch ineinandergreifende Zahnräder und unterschiedlich schnell rotierende Scheiben gesteuert. So wird der Lauf der Himmelskörper auf einer einzigen großen Fläche sichtbar.
1. Der äußere Ring – warum hat die Uhr 24 Stunden?
Am äußersten Rand des Zifferblatts befindet sich ein feststehender Ring aus Marmor. Auf diesem sind die Stunden mit römischen Zahlen von I bis XXIV angegeben. Während die meisten heutigen analogen Uhren nur zwölf Stunden anzeigen, besitzt die astronomische Uhr von Venedig eine vollständige 24-Stunden-Skala. Der Stundenzeiger muss deshalb nur einmal am Tag das gesamte Zifferblatt umrunden. Bei einer gewöhnlichen Zwölfstundenuhr geschieht dies zweimal täglich. Diese Art der Zeitanzeige hat in Italien eine lange Tradition.
Im historischen italienischen Stundensystem, den sogenannten Ore Italiane, wurden die Stunden ursprünglich in Beziehung zum Sonnenuntergang gezählt. Der Beginn des neuen Tages orientierte sich damit am natürlichen Tageslicht. Das unterscheidet sich erheblich von unserer heutigen Zeitrechnung, bei der der neue Kalendertag um Mitternacht beginnt. Im Laufe der Jahrhunderte veränderten sich die Zeitmessung und die Einstellungen der Uhr.
Wichtig ist deshalb die Unterscheidung zwischen der historischen italienischen Stundenrechnung und der heutigen 24-Stunden-Anzeige. Die römischen Zahlen allein verraten noch nicht, welches Zeitsystem zu einer bestimmten Epoche verwendet wurde.
2. Der Tierkreis – zwölf Sternzeichen aus vergoldetem Kupfer
Innerhalb des Stundenrings befindet sich ein großer beweglicher Ring mit den zwölf Tierkreiszeichen.
Die Tierkreiszeichen sind nicht nur als einfache Symbole dargestellt. Es handelt sich um aufwendig gearbeitete, plastische Figuren aus vergoldetem Kupfer. Dargestellt sind:
| Tierkreiszeichen | Lateinischer Name |
| Widder | Aries |
| Stier | Taurus |
| Zwillinge | Gemini |
| Krebs | Cancer |
| Löwe | Leo |
| Jungfrau | Virgo |
| Waage | Libra |
| Skorpion | Scorpio |
| Schütze | Sagittarius |
| Steinbock | Capricornus |
| Wassermann | Aquarius |
| Fische | Pisces |
Die Tierkreiszeichen bilden den sogenannten Zodiak. Der Zodiak ist ein Bereich des Himmels entlang der Ekliptik, also jener scheinbaren Bahn, auf der sich die Sonne im Laufe eines Jahres vor dem Hintergrund der Sterne bewegt. Da die Erde die Sonne umkreist, scheint die Sonne von der Erde aus betrachtet im Laufe des Jahres durch die zwölf Bereiche des Tierkreises zu wandern.
Die astronomische Uhr macht diese scheinbare Bewegung sichtbar. Die Tierkreiszeichen sind außerdem besonders wertvolle historische Kunstwerke: Sie stammen noch aus der ursprünglichen Gestaltung des Zifferblatts am Ende des 15. Jahrhunderts.
3. Warum dreht sich der Tierkreisring?
Der Tierkreisring ist nicht fest mit dem Marmorrahmen verbunden. Er gehört zu den beweglichen Teilen des Zifferblatts. Während sich die Uhr bewegt, verändert sich seine Stellung gegenüber dem Sonnenzeiger und den anderen Anzeigen. Diese unterschiedlichen Bewegungen sind notwendig, um zwei verschiedene Vorgänge gleichzeitig darzustellen: Die tägliche scheinbare Bewegung des Himmels und die langsamere jährliche Veränderung der Sonnenposition im Tierkreis.
Der entscheidende Punkt ist die unterschiedliche Geschwindigkeit der einzelnen Ringe.
Die Sonne benötigt scheinbar ein Jahr, um den gesamten Tierkreis zu durchlaufen. Gleichzeitig muss die Uhr aber jeden Tag die Stunden anzeigen. Damit beides auf einem Zifferblatt möglich ist, müssen die Bewegungen mechanisch miteinander verrechnet werden. Das ist eine der bemerkenswertesten Leistungen der historischen Uhrmacher.
4. Der Sonnenzeiger – eine Sonne statt eines gewöhnlichen Uhrzeigers
Die Uhr besitzt keinen einfachen, schmalen Stundenzeiger, wie wir ihn von modernen Wanduhren kennen. Stattdessen dient eine kunstvoll gestaltete, vergoldete Sonne mit Strahlenkranz und langem Zeigerfortsatz zur Anzeige der Stunden. Die Spitze des Zeigers verweist auf den äußeren Ring mit den römischen Zahlen. Der Sonnenzeiger erfüllt gleichzeitig eine zweite Funktion. Seine Stellung gegenüber dem Tierkreisring zeigt an, in welchem Abschnitt des Zodiaks sich die Sonne gerade befindet. So verbindet ein einziges mechanisches Bauteil zwei Informationen:
Die tägliche Uhrzeit und die jährliche Stellung der Sonne.
Das ist ein besonders anschauliches Beispiel dafür, wie die Uhrmacher der Renaissance astronomische Vorgänge mechanisch nachbildeten.
5. Die Monate und Tage – ein Kalender auf dem Zifferblatt
Neben den Tierkreiszeichen befinden sich auf dem beweglichen Ring auch die Namen der Monate und die Zahlen der Tage. Damit wird das astronomische Zifferblatt gleichzeitig zu einer Art Kalender. Die Stellung der Sonne gegenüber diesen Markierungen zeigt den Fortschritt innerhalb des Jahres. Der Jahreskreis und die Tierkreiszeichen sind dabei eng miteinander verbunden. Die Sonne steht im Laufe des Jahres scheinbar in unterschiedlichen Bereichen des Tierkreises. Ihre Position verändert sich täglich um ungefähr ein Grad. Nach rund 365 Tagen hat sie scheinbar den gesamten Kreis durchlaufen. Die Uhr bildet diese langsame Veränderung mit ihrem mechanischen Räderwerk nach.
Für die Menschen der Renaissance war diese Anzeige von besonderer Bedeutung. Der Lauf der Sonne bestimmte die Jahreszeiten und beeinflusste zahlreiche Bereiche des täglichen Lebens.
6. Die Erde im Mittelpunkt – das Weltbild der Renaissance
Im Zentrum der astronomischen Uhr befindet sich die Erde. Das ist kein Zufall. Als die Uhr 1499 eingeweiht wurde, war in Europa noch das geozentrische Weltbild vorherrschend. Nach diesem Weltbild stand die Erde unbeweglich im Mittelpunkt des Universums. Sonne, Mond, Planeten und Fixsterne bewegten sich um sie. Dieses Modell wird nach dem antiken Astronomen Claudius Ptolemäus als ptolemäisches Weltbild bezeichnet.
Erst 1543, also 44 Jahre nach der Einweihung der Uhr, erschien das berühmte Werk von Nikolaus Kopernikus, in dem er das heliozentrische Weltbild mathematisch darstellte. Danach steht nicht die Erde, sondern die Sonne im Zentrum unseres Planetensystems. Die astronomische Uhr von Venedig ist deshalb auch ein eindrucksvolles Dokument der Wissenschaftsgeschichte. Sie zeigt, wie sich die Menschen am Ende des 15. Jahrhunderts die Ordnung des Himmels vorstellten.
Allerdings muss man zwischen dem historischen Weltbild und der praktischen Darstellung unterscheiden: Auch heute beschreiben Astronomen die scheinbaren Positionen von Sonne und Mond häufig aus der Perspektive eines Beobachters auf der Erde. Eine erdzentrierte Anzeige ist daher nicht automatisch astronomisch falsch.
7. Die Mondanzeige – eine kleine Kugel mit großer Bedeutung
Im inneren Bereich des Zifferblatts befindet sich neben der Erde eine Darstellung des Mondes. Der Mond ist als kleine Kugel gestaltet, deren Oberflächen unterschiedlich gefärbt sind. Eine Hälfte ist vergoldet, die andere dunkel. Die Kugel kann sich um ihre eigene Achse drehen. Dadurch erscheint dem Betrachter einmal mehr von der hellen und einmal mehr von der dunklen Hälfte.
Auf diese Weise werden die verschiedenen Mondphasen dargestellt. Im Laufe eines Mondmonats verändert sich das sichtbare Bild von Neumond über zunehmenden Halbmond bis zum Vollmond und anschließend über den abnehmenden Halbmond zurück zum Neumond. Ein vollständiger Zyklus der Mondphasen dauert durchschnittlich etwa 29,53 Tage.
Diesen Zeitraum bezeichnet man als synodischen Monat. Die astronomische Uhr zeigt also nicht nur, wo sich der Mond befindet, sondern auch, wie er von der Erde aus beleuchtet erscheint.
8. Warum waren die Mondphasen für Venedig besonders wichtig?
Für eine Stadt wie Venedig war die Beobachtung des Mondes von besonderem Interesse. Venedig war über Jahrhunderte eine bedeutende Seehandelsmacht. Schifffahrt, Hafenbetrieb, Fischerei und die Verhältnisse in der Lagune spielten eine zentrale wirtschaftliche Rolle. Der Mond beeinflusst gemeinsam mit der Sonne die Gezeiten. Bei Neu- und Vollmond können besonders große Unterschiede zwischen Hoch- und Niedrigwasser entstehen. Diese werden als Springtiden bezeichnet. Bei Halbmond fallen die Gezeitenunterschiede dagegen häufig geringer aus.
Die Mondphasen allein reichen allerdings nicht aus, um den tatsächlichen Wasserstand in Venedig vorherzusagen. Wind, Luftdruck und weitere meteorologische Bedingungen können den Wasserstand erheblich beeinflussen. Die Mondanzeige war somit ein sichtbares Zeichen astronomischen Wissens, das auch einen praktischen Bezug zur Lebenswelt der Seefahrer hatte.
9. Wie hängen Sonne, Mond und Tierkreis zusammen?
Eine besonders interessante Eigenschaft des Zifferblatts ist das Zusammenspiel der verschiedenen Bewegungen. Die Sonne bewegt sich im Verhältnis zum Tierkreis langsam durch den Jahreskreis. Der Mond bewegt sich wesentlich schneller entlang seiner Bahn um die Erde. Dadurch verändert sich die relative Stellung von Sonne, Mond und Erde ständig. Genau daraus entstehen die Mondphasen.
Bei Neumond befinden sich Sonne und Mond von der Erde aus betrachtet ungefähr in derselben Richtung. Bei Vollmond stehen sie einander am Himmel ungefähr gegenüber. Die astronomische Uhr bildet diese Zusammenhänge mit mechanischen Bewegungen ab. Damit ist sie nicht einfach eine Uhr mit mehreren dekorativen Anzeigen, sondern ein mechanisches Modell astronomischer Vorgänge.
10. Warum ist das Zifferblatt blau und golden?
Die Farben des Zifferblatts gehören zu seinen auffälligsten Merkmalen. Die beweglichen Ringe bestehen aus Holz, das mit kräftigen, blau emaillierten Kupferblechen verkleidet ist. Die Sterne, Figuren und Tierkreiszeichen bestehen aus getriebenem und vergoldetem Kupfer. Das intensive Blau erinnert an das Himmelsgewölbe, während die goldenen Sterne und Himmelskörper einen starken Kontrast bilden.
Die Farbgebung hat somit nicht nur eine dekorative Wirkung. Sie unterstützt die astronomische Aussage des gesamten Zifferblatts. Gleichzeitig verbindet sie die Uhr optisch mit dem darüberliegenden Markuslöwen vor seinem ebenfalls blauen, sternengeschmückten Hintergrund. Blau und Gold bilden dadurch ein wiederkehrendes Gestaltungsmotiv der Turmfassade.
11. Die ursprüngliche Uhr war noch wesentlich komplizierter
Was Besucher heute auf dem Markusplatz sehen, ist bereits eine vereinfachte Version der ursprünglichen astronomischen Uhr. Als sie 1499 eingeweiht wurde, zeigte sie zusätzlich die Bewegungen der fünf damals bekannten Planeten:
- Merkur
- Venus
- Mars
- Jupiter
- Saturn
Jeder dieser Planeten besaß einen eigenen beweglichen Ring und einen dazugehörigen Mechanismus. Zusammen mit Sonne und Mond entstand so eine außerordentlich komplexe Darstellung des damaligen Planetensystems. Die ursprüngliche Uhr verfügte über acht bewegliche konzentrische Bereiche. Die fünf Planetenringe wurden später entfernt.
Bei der großen Überarbeitung durch Bartolomeo Ferracina zwischen 1753 und 1759 wurde das Zifferblatt erheblich vereinfacht. Seitdem konzentriert sich die astronomische Anzeige auf die Uhrzeit, die Stellung der Sonne im Tierkreis sowie die Bewegung und die Phasen des Mondes. Die heutige Uhr ist daher ein historisches Kunstwerk, in dem sich technische Entwicklungen aus mehreren Jahrhunderten vereinen.
12. Wie wird die astronomische Uhr angetrieben?
Hinter dem prächtigen Zifferblatt verbirgt sich ein großes mechanisches Uhrwerk. Die Energie stammt aus schweren Gewichten, die über Ketten mit Trommeln und Zahnrädern verbunden sind. Beim langsamen Absinken der Gewichte wird die gespeicherte Lageenergie in mechanische Bewegung umgesetzt. Das Räderwerk überträgt diese Bewegung auf die verschiedenen Anzeigen. Dabei müssen unterschiedliche Übersetzungsverhältnisse erzeugt werden.
Der Stundenzeiger soll eine vollständige Umdrehung innerhalb eines Tages ausführen. Die Stellung der Sonne gegenüber dem Tierkreis verändert sich dagegen nur langsam im Verlauf eines Jahres. Die Mondanzeige wiederum benötigt eigene Bewegungen für die Mondposition und die Mondphasen. Diese verschiedenen Geschwindigkeiten entstehen durch sorgfältig berechnete Kombinationen von Zahnrädern.
Ein Pendel und eine Hemmung sorgen dafür, dass die Energie nicht unkontrolliert freigesetzt wird, sondern die Uhr gleichmäßig läuft. Das heute funktionierende Grundsystem geht wesentlich auf den Umbau durch Bartolomeo Ferracina im 18. Jahrhundert zurück.
13. Ein technisches Detail: 264 Zähne für eine tägliche Umdrehung
Ein besonders schönes Beispiel für die mechanische Konstruktion ist die Übertragung auf den Sonnenzeiger. Ein Zahnrad mit 22 Zähnen führt innerhalb eines Tages zwölf Umdrehungen aus. Damit bewegt es insgesamt 264 Zähne weiter. Das große zugehörige Rad besitzt genau diese 264 Zähne.
Die Rechnung lautet: 22 × 12 = 264
Damit vollführt das große Rad innerhalb eines Tages genau eine Umdrehung. Auf diese Weise lässt sich die tägliche Bewegung des Stundenzeigers aus dem mechanischen Antrieb ableiten. Das Beispiel zeigt, wie Uhrmacher mit einfachen mathematischen Verhältnissen komplizierte Bewegungen erzeugen konnten.
14. Warum war diese Uhr im Jahr 1499 eine Sensation?
Am Ende des 15. Jahrhunderts war der Bau einer solchen astronomischen Uhr eine außergewöhnliche technische Herausforderung. Die Uhrmacher mussten nicht nur ein zuverlässiges Werk zur Zeitmessung bauen. Sie mussten zusätzlich verschiedene astronomische Bewegungen berechnen und durch mechanische Getriebe darstellen. Dazu kamen die großen Abmessungen des Zifferblatts, die schweren beweglichen Bauteile und die Anforderungen an eine dauerhaft funktionierende öffentliche Uhr.
Die Konstruktion verlangte Kenntnisse aus Mathematik, Astronomie, Metallbearbeitung und Feinmechanik. Für die Republik Venedig war die Uhr deshalb auch ein öffentlich sichtbares Zeichen ihrer wirtschaftlichen Stärke, ihres wissenschaftlichen Interesses und ihrer technischen Leistungsfähigkeit. Wer im Jahr 1499 auf dem Markusplatz stand, konnte hier eine der bemerkenswertesten technischen Errungenschaften seiner Zeit bewundern.
15. Eine astronomische Uhr, die noch heute fasziniert
Mehr als fünf Jahrhunderte nach ihrer Einweihung zieht die astronomische Uhr von Venedig weiterhin die Blicke auf sich. Viele Besucher bewundern vor allem ihre Farben, die goldenen Figuren und das prachtvolle Zifferblatt. Wer sich jedoch näher mit ihrer Funktionsweise beschäftigt, entdeckt weit mehr.
Die Uhr verbindet die tägliche Zeitmessung mit dem Jahreslauf der Sonne, den Mondphasen und dem historischen Weltbild der Renaissance. Sie ist zugleich ein Kunstwerk, eine astronomische Anzeige und ein Zeugnis jahrhundertelanger Uhrmacherkunst.
Die astronomische Uhr von Venedig zeigt nicht nur die Zeit. Sie erzählt davon, wie Menschen seit Jahrhunderten versuchen, die Bewegungen des Himmels zu verstehen und sichtbar zu machen.
Das große Eingangstor des Uhrenturms
Vom Markusplatz in die Handelswelt Venedigs
Ganz unten am Uhrenturm von Venedig befindet sich ein großer, prachtvoll gestalteter Torbogen. Durch ihn gelangen Besucher vom Markusplatz unmittelbar in die Merceria dell’Orologio, den Beginn einer der traditionsreichsten Einkaufsstraßen Venedigs. Der Torbogen ist aber weit mehr als ein praktischer Durchgang. Er war bereits beim Bau des Uhrenturms Ende des 15. Jahrhunderts ein bewusst geplantes architektonisches Element.
Ein Triumphbogen für die Republik Venedig
Der Eingang wurde nach dem Vorbild eines römischen Triumphbogens gestaltet. Kräftige Pfeiler, vorgestellte Säulen, kostbare Marmorverkleidungen und dekorative Rundelemente verleihen ihm ein monumentales Erscheinungsbild. Die Renaissancearchitektur orientierte sich stark an den Formen der griechischen und römischen Antike. Auch der Uhrenturm greift diese Formensprache auf.
Der Triumphbogen sollte jedoch keinen militärischen Sieg feiern. Vielmehr stellte er die wirtschaftliche Stärke, den Wohlstand und das Selbstbewusstsein der Republik Venedig zur Schau. Wer den Markusplatz betrat, sollte erkennen, dass er sich in einer mächtigen und wohlhabenden Handelsmetropole befand.
Warum wurde der Uhrenturm genau hier gebaut?
Die Entscheidung, eine neue öffentliche Uhr zu bauen, fiel bereits 1493. Zunächst war allerdings noch nicht endgültig festgelegt, an welcher Stelle sie errichtet werden sollte. Erst 1495 entschied man, die neue Uhr über dem Eingang zu den Mercerie aufzustellen. Am 10. Juni 1496 begannen die Abrissarbeiten an den bestehenden Häusern, um Platz für den Neubau zu schaffen.
Am 1. Februar 1499 wurde die neue Uhr feierlich vorgestellt. Damit entstand an dieser Stelle nicht nur ein Uhrenturm, sondern zugleich ein repräsentatives Stadttor.
Die Mercerie – Venedigs historische Einkaufsstraße
Hinter dem Torbogen beginnt die Merceria dell’Orologio. Sie ist Teil der berühmten Mercerie, einer Folge enger Geschäftsstraßen, die den Markusplatz mit dem Gebiet um die Rialtobrücke verbinden. Bereits im Mittelalter gehörte dieser Bereich zu den wichtigsten Handelswegen der Stadt. Hier befanden sich zahlreiche Geschäfte, Werkstätten und Verkaufsräume. Die Händler boten unter anderem Stoffe, Kleidung, Schmuck und andere Waren an.
Der Name Mercerie leitet sich vom italienischen Wort für Waren beziehungsweise Handelsartikel ab. Während sich am Markusplatz die wichtigsten politischen und religiösen Institutionen Venedigs konzentrierten, entwickelte sich rund um Rialto eines der bedeutendsten Handels- und Finanzzentren Europas. Der Uhrenturm markierte somit den Übergang zwischen zwei zentralen Bereichen der Stadt.
Ein Tor mit zwei völlig unterschiedlichen Blickrichtungen
Wer vom Markusplatz durch den Torbogen geht, gelangt in die vergleichsweise schmalen, lebhaften Einkaufsstraßen. Wer dagegen von den Mercerie aus auf den Uhrenturm zugeht, erlebt einen ganz anderen Eindruck. Durch den Torbogen öffnet sich plötzlich der weite Markusplatz. Dieser Gegensatz war architektonisch gewollt.
Die offizielle Beschreibung der venezianischen Stadtmuseen bezeichnet den Turm als ein bewusstes Verbindungselement zwischen dem repräsentativen Markusplatz und der Welt des Handels. Der Durchgang ist damit gleichzeitig eine Grenze und eine Verbindung.
Warum steht die große Uhr über dem Eingang?
Die Platzierung der astronomischen Uhr an dieser Stelle war ebenfalls eine bewusste Entscheidung. Die Uhr sollte für möglichst viele Menschen sichtbar sein. Der Markusplatz war einer der wichtigsten öffentlichen Räume Venedigs. Hier trafen sich Kaufleute, Bürger, Würdenträger und Besucher aus zahlreichen Ländern. Die große astronomische Uhr demonstrierte nicht nur die Uhrzeit, sondern auch den technischen und wissenschaftlichen Anspruch der Republik. Besonders eindrucksvoll war ihre Wirkung auf Besucher, die Venedig vom Meer aus erreichten und sich dem Markusplatz näherten.
Der Uhrenturm gehörte zu den weithin sichtbaren Zeichen der Stadt.
Der Torbogen und die ursprüngliche Architektur
Als der Uhrenturm 1499 fertiggestellt wurde, sah seine Umgebung noch anders aus als heute. Die beiden seitlichen Gebäudeflügel entstanden erst in den folgenden Jahren. Auch die benachbarten Alten Prokuratien wurden später grundlegend umgebaut. Der Uhrenturm stand deshalb zunächst wesentlich freier und wirkte stärker als eigenständiges Monument. Erst nach und nach entstand die heute so harmonisch erscheinende architektonische Gesamtanlage. Das ist eine wichtige Besonderheit: Der Uhrenturm wurde nicht einfach in die heutige Häuserfront eingefügt. Vielmehr veränderte sich die Architektur seiner Umgebung im Laufe der folgenden Jahrzehnte.
Ein Eingang, den täglich Tausende Menschen benutzen
Heute gehört der Torbogen zu den bekanntesten Durchgängen Venedigs. Unzählige Besucher gehen hier vom Markusplatz in Richtung Rialto oder kommen aus den Mercerie auf den Platz. Viele betrachten dabei die prachtvolle astronomische Uhr, die Madonna, den Markuslöwen und die beiden Mohren. Doch nur wenige denken daran, dass auch der Torbogen selbst ein bedeutendes Architekturdenkmal ist.
Seit mehr als 500 Jahren verbindet er das repräsentative Zentrum Venedigs mit einer seiner wichtigsten historischen Handelsstraßen.
Und damit erfüllt er bis heute genau die Aufgabe, für die er am Ende des 15. Jahrhunderts geschaffen wurde.
Den Uhrenturm von Venedig von innen besichtigen
Eine Reise durch 500 Jahre Uhrmacherkunst

Der berühmte Uhrenturm am Markusplatz lässt sich nicht nur von außen bewundern. Bei einer geführten Besichtigung können Besucher auch sein Inneres erkunden und dabei die faszinierende Mechanik der historischen Uhr kennenlernen.
Besonders interessant ist diese Führung für Menschen, die sich für Technik, Astronomie, Geschichte und die Architektur Venedigs begeistern. Der Rundgang führt über fünf Stockwerke bis hinauf zur Terrasse der beiden Mohren.
Wo befindet sich der Eingang zum Uhrenturm?
Der Eingang befindet sich im großen Torbogen, der vom Markusplatz in die Mercerie führt, auf der linken Seite. Allerdings kann man nicht einfach spontan hineingehen. Der Uhrenturm ist ausschließlich im Rahmen einer vorher gebuchten Führung zugänglich. Die Besucher werden von einer fachkundigen Begleitperson durch die historischen Räume geführt. Der Treffpunkt ist nicht direkt am Turm, sondern an der Kasse des Museo Correr am Markusplatz.
Was sieht man bei der Führung?
Die Besichtigung ist eine Entdeckungsreise durch die Technikgeschichte Venedigs.
1. Stockwerk – Die Geschichte des Uhrenturms
Nach dem Aufstieg über die ersten Steinstufen erreicht man einen kleinen Raum, in dem die Entstehung und Entwicklung des Turms erläutert werden. Schon hier sind Teile der Mechanik sichtbar. Dazu gehören die großen Gewichte und Gegengewichte, die sich im Inneren des Turms langsam auf und ab bewegen.
2. Stockwerk – Das große mechanische Uhrwerk
Über eine metallene Wendeltreppe gelangt man zum eigentlichen Herzstück des Turms: dem historischen Uhrwerk. Hier kann man die zahlreichen Zahnräder, Wellen und mechanischen Verbindungen aus nächster Nähe betrachten. Das Uhrwerk steuert nicht nur die Zeitanzeige, sondern auch die astronomischen Darstellungen, die Zahlenanzeigen und die Glockenschläge. Gerade für technisch interessierte Besucher ist dieser Teil der Führung besonders beeindruckend.
3. Stockwerk – Die Heiligen Drei Könige und die Digitalanzeige
Im nächsten Bereich stehen die hölzernen Figuren der Heiligen Drei Könige und des Engels. Diese Figuren gehören zu einem mechanischen Schauspiel, das an zwei besonderen Festtagen stattfindet. Am Dreikönigstag und an Christi Himmelfahrt ziehen sie vor der Madonna mit dem Jesuskind vorbei. Außerdem kann man hier die Mechanik der beiden großen Zahlentrommeln besichtigen, die außen am Turm die Stunden und Minuten anzeigen.
4. Stockwerk – Historische Bauteile aus dem 15. Jahrhundert
Eine weitere Treppe führt in einen Raum, in dem erhaltene Teile der ursprünglichen Uhrmechanik aus der Renaissance aufbewahrt werden. Hier wird deutlich, wie sich die Technik im Laufe von mehr als fünf Jahrhunderten verändert hat. Von dieser Ebene aus erreicht man auch die beiden seitlichen Terrassen des Uhrenturms.
5. Stockwerk – Die Terrasse der beiden Mohren
Der letzte Aufstieg führt über eine besonders steile und enge Wendeltreppe bis zur obersten Terrasse. Dort stehen die beiden berühmten Bronzefiguren, die mit ihren Hämmern die Stunden auf der großen Glocke schlagen. Von hier aus lassen sich die riesigen Figuren aus unmittelbarer Nähe betrachten. Gleichzeitig eröffnet sich ein außergewöhnlicher Blick über die Dächer Venedigs, den Markusplatz und die Lagune. Dieser Ausblick bildet den krönenden Abschluss der Besichtigung.
Wie lange dauert die Führung?
Für die Besichtigung sollte man ungefähr eine Stunde einplanen. Da die Innenräume eng und die Treppen teilweise sehr steil sind, findet die Besichtigung nur mit einer fachkundigen Begleitung statt.
Ist die Besichtigung für jeden geeignet?
Leider nein. Der Uhrenturm ist ein historisches Bauwerk, dessen Innenräume nicht für moderne Besucherströme ausgelegt wurden. Die Treppen sind stellenweise schmal, steil und verwinkelt. Für Menschen mit erheblichen Gehbehinderungen ist die Besichtigung nicht zugänglich. Auch Personen, die unter starker Höhenangst, Platzangst oder bestimmten Herz- und Atemwegserkrankungen leiden, sollten von einer Teilnahme absehen. Kinder dürfen erst ab einem Alter von sechs Jahren teilnehmen.
Warum lohnt sich die Führung?

Von außen begeistert der Uhrenturm mit seinem prachtvollen astronomischen Zifferblatt, dem Markuslöwen und den beiden Mohren. Doch erst im Inneren erkennt man, welche technische Meisterleistung hinter diesen Anzeigen steckt. Hier wird sichtbar, wie Zahnräder, Gewichte, Wellen und mechanische Steuerungen zusammenarbeiten. Die Führung ermöglicht damit einen seltenen Einblick in die Technikgeschichte der Renaissance und späterer Jahrhunderte.
Wer Venedig nicht nur als Stadt der Kirchen, Paläste und Kanäle erleben möchte, sondern sich auch für ihre technischen Errungenschaften interessiert, findet hier eine außergewöhnliche Sehenswürdigkeit.
Eintrittspreise und praktische Informationen
REGULÄRER EINTRITT 15,00 €
ERMÄSSIGT 11,00 €
| Besichtigungsdauer | Ca. 60 Minuten |
| Führungssprachen | Italienisch, Englisch, Französisch |
| Mindestalter | 6 Jahre |
| Reservierung | Erforderlich |
| Treffpunkt | Kasse des Museo Correr |
Stand: 15. Oktober 2026. Preise und Bedingungen laut offizieller Museumsseite.
Die Uhr auf der Rückseite des Uhrenturms – warum gibt es eine zweite Uhr?

Wer vom Markusplatz durch den großen Torbogen des Uhrenturms in die Mercerie geht und sich anschließend umdreht, entdeckt eine Überraschung. Auch auf der Rückseite des Uhrenturms befindet sich eine große Uhr. Sie ist wesentlich einfacher gestaltet als die berühmte astronomische Uhr auf der Vorderseite. Dennoch besitzt sie einige bemerkenswerte Besonderheiten.
Warum hat der Uhrenturm auch auf der Rückseite eine Uhr?
Die Erklärung hängt mit der besonderen Lage des Turms zusammen. Auf der Vorderseite liegt der Markusplatz, das politische und religiöse Zentrum der ehemaligen Republik Venedig. Auf der Rückseite beginnen die Mercerie, die historischen Geschäftsstraßen in Richtung Rialtobrücke.
Hier arbeiteten und handelten Kaufleute, Handwerker und Geschäftsleute. Für sie war eine gut sichtbare öffentliche Uhr ebenso nützlich wie für die Menschen auf dem Markusplatz. Deshalb erhielt der Uhrenturm bereits bei seiner Errichtung Ende des 15. Jahrhunderts zwei Zifferblätter.
Während die aufwendige astronomische Uhr zum Markusplatz zeigt, befindet sich auf der Seite der Mercerie eine einfachere Uhr, die ausschließlich die Stunden anzeigt.
Warum hat die Uhr 24 Stunden statt zwölf?
Das wirkt für heutige Besucher ungewöhnlich. Schließlich besitzen die meisten analogen Uhren nur zwölf Stundenmarkierungen. Im Italien des ausgehenden Mittelalters und der Renaissance waren Uhren mit 24-Stunden-Zifferblättern jedoch keineswegs ungewöhnlich. Damals war die sogenannte italienische Stundenrechnung (Ore Italiane) verbreitet. Dabei wurden die Stunden in einem Zyklus von 1 bis 24 gezählt, der sich am Sonnenuntergang orientierte.
Der Beginn des neuen Tages lag also nicht wie heute um Mitternacht. Da sich der Zeitpunkt des Sonnenuntergangs im Laufe des Jahres verändert, musste eine nach diesem System betriebene Uhr regelmäßig angepasst werden. Auch die ursprüngliche astronomische Uhr auf der Vorderseite verwendete dieses historische System.
Die heutige Anzeige darf man allerdings nicht mit der ursprünglichen Stundenrechnung gleichsetzen. Das Uhrwerk wurde im Laufe der Jahrhunderte mehrfach verändert und an die moderne Zeitmessung angepasst.
Ein Zifferblatt mit goldenen Sternen
Auch die rückwärtige Uhr ist ein bemerkenswertes Kunstwerk. Ihr äußerer Ring besteht aus Marmor und trägt die römischen Stundenzahlen von I bis XXIV. Die innere Fläche ist mit einem tiefblauen Mosaik geschmückt, auf dem zahlreiche goldene Sterne angeordnet sind. Davor bewegt sich ein großer, vergoldeter Sonnenzeiger. Die Sonnenscheibe mit ihren flammenartigen Strahlen besitzt einen Durchmesser von ungefähr 1,70 Metern.
In ihrer Mitte befindet sich ein Gesicht mit einem Durchmesser von etwa 70 Zentimetern. Im Zentrum des Zifferblatts ist außerdem ein Markuslöwe aus Kupfer angebracht, der früher vergoldet war. Dieser kleine Löwe erfüllt sogar eine technische Aufgabe: Er verdeckt den Ansatz der Welle, über die die Bewegung des Uhrwerks auf den Zeiger übertragen wird.
Warum zeigt auch diese Uhr die Sonne?
Die Sonne war seit der Antike eines der wichtigsten Symbole für die Zeit. Ihr täglicher scheinbarer Lauf über den Himmel bestimmt den Wechsel zwischen Tag und Nacht. Deshalb erscheint die Sonne auf zahlreichen historischen Uhren als Zeiger oder zentrales Gestaltungselement. Auf der Rückseite des venezianischen Uhrenturms verbindet sie die praktische Stundenanzeige mit einer kunstvollen Darstellung des Himmels. Der blaue Sternenhintergrund greift zugleich die Farbgestaltung der astronomischen Uhr auf der Vorderseite auf.
Ist die Uhr auf der Rückseite genauso alt wie die astronomische Uhr?
Die rückwärtige Stundenanzeige gehört bereits zum ursprünglichen Konzept des Uhrenturms von 1499. Ihr heutiges Erscheinungsbild ist allerdings das Ergebnis mehrerer Veränderungen. Im 18. Jahrhundert wurde der ursprünglich blau emaillierte Hintergrund durch ein Mosaik ersetzt. Auch das Uhrwerk wurde mehrfach überarbeitet.
Die rückwärtige Uhr ist damit ein weiteres Beispiel dafür, wie sich historische Technik und künstlerische Gestaltung im Laufe von mehr als fünf Jahrhunderten weiterentwickelt haben.
Eine Uhr für die Händler und eine für den Markusplatz
Die beiden Zifferblätter verdeutlichen die doppelte Funktion des Uhrenturms. Zur Seite des Markusplatzes präsentiert sich die aufwendige astronomische Uhr als Zeichen von Wissenschaft, Kunst und technischem Können. Zur Seite der Mercerie zeigt eine wesentlich einfachere Uhr den Menschen die Stunden an.
Zwei Uhren, zwei unterschiedliche Aufgaben – und doch gehören beide zu einem einzigen mechanischen Meisterwerk.
Warum sieht der Uhrenturm von Venedig gar nicht wie ein Turm aus?

Wer auf dem Markusplatz steht und den berühmten Uhrenturm betrachtet, bemerkt eine architektonische Besonderheit. Anders als der fast 99 Meter hohe, frei stehende Campanile der Markusbasilika ist der Uhrenturm von Venedig auf beiden Seiten von Gebäuden umgeben. Er scheint geradezu in die lange Häuserfront an der Nordseite des Markusplatzes eingebaut zu sein.
Auf den ersten Blick wirkt er deshalb eher wie ein besonders prachtvoll gestalteter Teil der Fassade als wie ein eigenständiger Turm.
Doch dieser Eindruck täuscht.
Ursprünglich stand der Uhrenturm wesentlich freier
Als der Uhrenturm zwischen 1496 und 1499 errichtet wurde, war die Nordseite des Markusplatzes noch anders bebaut als heute. Um Platz für den Turm zu schaffen, mussten mehrere ältere Gebäude abgerissen werden. Der neue Turm entstand als eigenständiges, monumentales Bauwerk über dem Zugang zu den Mercerie.
Seine ungewöhnliche Breite und die prachtvolle Renaissancefassade unterschieden ihn bereits damals von den schmalen, hoch aufragenden Glockentürmen vieler italienischer Städte. Er sollte nicht nur eine Uhr tragen, sondern zugleich als repräsentativer Eingang zum Handelsviertel dienen.
Die seitlichen Gebäude kamen erst später hinzu
Nach der Fertigstellung des Uhrenturms wurden zu beiden Seiten zusätzliche Gebäudeflügel errichtet. Diese entstanden ab 1500 und wurden in den folgenden Jahren fertiggestellt. Die seitlichen Bauten erhielten eine Architektur, die sich bewusst am zentralen Uhrenturm orientierte.
Dadurch entstand eine zusammenhängende Fassadenwirkung. Im 18. Jahrhundert wurden die Seitenflügel nochmals verändert und aufgestockt. So entwickelte sich allmählich das Erscheinungsbild, das wir heute kennen.
Die Alten Prokuratien – eine mächtige Häuserfront

Unmittelbar neben dem Uhrenturm erstrecken sich die Procuratie Vecchie, die Alten Prokuratien. Dieses lang gezogene Gebäude mit seinen charakteristischen Arkaden bildet die Nordseite des Markusplatzes. Hier befanden sich die Amtsräume und Wohnungen der Prokuratoren von San Marco, die zu den höchsten Würdenträgern der Republik Venedig gehörten.
Die heute sichtbare Renaissancefassade der Alten Prokuratien entstand überwiegend im 16. Jahrhundert. Sie besitzt mehrere übereinanderliegende Reihen von Bögen und Fenstern, die dem Markusplatz sein charakteristisches architektonisches Erscheinungsbild verleihen. Der Uhrenturm bildet am östlichen Ende dieser langen Gebäudefront einen besonders auffälligen Abschluss.
Warum wurde der Uhrenturm nicht wie der Campanile frei stehend gebaut?
Der Campanile und der Uhrenturm hatten von Anfang an unterschiedliche Aufgaben. Der Campanile war der Glockenturm der Markusbasilika. Seine enorme Höhe machte ihn zu einem weithin sichtbaren Orientierungspunkt, insbesondere für die Schifffahrt. Der Uhrenturm dagegen sollte eine große öffentliche Uhr tragen und gleichzeitig den Eingang zu den Mercerie hervorheben.
Seine Lage über dem Durchgang war deshalb kein Zufall. Hier verband er den Markusplatz mit den wichtigsten Handelsstraßen der Stadt. Die astronomische Uhr sollte vor allem von den Menschen auf dem Markusplatz gut gesehen werden können. Für diese Aufgaben war ein breiter, monumentaler Bau mit einer großen Schaufassade besonders geeignet.
Ein Turm, der gleichzeitig ein Stadttor ist
Der Uhrenturm von Venedig ist deshalb eine ungewöhnliche Kombination aus mehreren Bauformen. Er ist ein Uhrenturm, weil er die große astronomische Uhr und die Glocke mit den beiden Mohren trägt. Er ist ein monumentales Stadttor, weil der öffentliche Durchgang unter ihm zwei wichtige Bereiche Venedigs miteinander verbindet. Und er ist ein Renaissancebauwerk, dessen prachtvolle Fassade bewusst in die architektonische Gestaltung des Markusplatzes einbezogen wurde. Gerade diese Kombination macht ihn so außergewöhnlich.
Erst aus der richtigen Perspektive erkennt man seine Eigenständigkeit
Wer den Uhrenturm nur frontal vom Markusplatz betrachtet, sieht vor allem die reich geschmückte Fassade. Erst beim Blick von den Seiten oder auf die Rückseite wird deutlicher, dass sich hinter dieser Fassade ein eigenständiger Baukörper mit mehreren Stockwerken, Treppen, technischen Räumen und einem großen mechanischen Uhrwerk verbirgt.
Der Uhrenturm ist also nicht einfach ein Teil der Häuserfront. Er ist ein eigenständiges historisches Bauwerk, um das sich die Architektur des Markusplatzes im Laufe der Jahrhunderte entwickelt hat.
Und genau das macht ihn zu einem der ungewöhnlichsten Uhrentürme Europas. Die Baugeschichte ist besonders wichtig: Die beiden seitlichen Flügel des Uhrenturms entstanden bereits zu Beginn des 16. Jahrhunderts. Sie wurden später, insbesondere im 18. Jahrhundert, verändert. Die heutige Einbindung in die Nordfront des Markusplatzes ist somit das Ergebnis mehrerer Bauphasen.

Dieser Beitrag wurde von “Bernd und Christoph – Die Venedig Ratgeber” für Venedig.com auf Grundlage eigener Besuche, Fotografien, Videoaufnahmen und historischer Quellen zusammengestellt. Bei der Recherche und redaktionellen Ausarbeitung wurde KI unterstützend eingesetzt. Die redaktionelle Verantwortung liegt bei Venedig.com.